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Push-Pull im politischen Umfeld

Liebe Freunde von Biovision

Im Januar ging in Davos wieder einmal das World Economic Forum über die Bühne, wo sich die Mächtigen über die Probleme der Welt unterhielten. Im Schatten des WEF, dafür umso bunter, fand zur gleichen Zeit das Sozialforum in Nairobi statt, wo die Globalisierungskritiker ihre Sicht einer gerechteren Welt diskutierten. Auf der einen Seite also ein Treffen, an dem Entscheidungsträger die Welt quasi von oben her anschauten, auf der anderen die Betroffenen in Afrika, die von unten her auf ihre Probleme aufmerksam machten.

Diese beiden Sichtweisen – von oben und von unten – werden oft gegeneinander ausgespielt. Ich möchte aber dafür plädieren, dass man sie nicht getrennt betrachtet, sondern als zwei Seiten eines Prozesses, die beide nötig sind. Ich brauche dafür gerne den Begriff «Push-Pull», welcher Ihnen aus der von Biovision unterstützten Arbeit am ICIPE schon vertraut ist. Wenn man ein System verändern will, muss man oft von der einen Seite ziehen und von der anderen stossen. Wie das funktioniert, haben wir mit unseren Methoden zur Bekämpfung von Schädlingen in Maisfeldern eindrücklich bewiesen.

Was für Maisfelder gilt, bleibt aber auch in grösseren Zusammenhängen gültig. Wenn wir die Entwicklung der armen Länder vorantreiben wollen, brauchen wir Leute, die von unten her stossen, und solche, die von oben her ziehen. Wir brauchen Organisationen wie Biovision, die mit lokal verankerten Projekten die Menschen vor Ort unterstützen. Wir brauchen engagierte Kämpfer, die an den Fortschritt in kleinen Schritten glauben. Und wir brauchen einfache, aber effiziente Technologien, die in Afrika wirklich angewendet werden können.

Bei all diesen Dingen spreche ich aus Erfahrung. Ich habe 27 Jahre lang in Afrika gelebt und an solchen Technologien gearbeitet. Das beste Beispiel dafür ist die Methode zur biologischen Kontrolle der Maniokschmierlaus – eine Methode, die ich in den 80er-Jahren entwickelte, und die ohne Chemie auskommt. Sie ist ökologisch, einfach, billig, und effektiv und rettete Millionen von Menschen vor dem Hungertod. Diese Methode funktioniert noch heute ganz natürlich und gratis weiter.

Als Naturwissenschaftler bin ich also ein vehementer Befürworter von systemorientierten, wissenschaftlich abgestützten technologischen Lösungen. Gleichzeitig ist mir aber auch bewusst, dass wir ohne politische und ökonomische Regelungen nicht weiter kommen. Wenn wir den armen Ländern eine Chance geben wollen, müssen wir ihnen vor allem erlauben, ihre Produkte zu exportieren. Dazu müssen die unglaublichen Handelsbarrieren beseitigt werden, die die armen Länder behindern. Afrikanische Staaten müssen – genau wie vor ihnen China, Korea und Indien – geschützt werden, bis sie bereit sind, in den globalisierten Markt einzutreten.

Hier setzt meine Arbeit als Leiter des Millennium Institutes an. Wir versuchen zum Beispiel, den Entscheidungsträgern auf höchster Ebene aufzuzeigen, welche Konsequenzen ihre Handlungen haben. Dazu lassen wir sie in Modellen verschiedene Szenarien durchspielen. Die Erfahrungen aus mehreren afrikanischen Ländern zeigen, dass ein solches Vorgehen den Ländern hilft, ihre langfristige Planung von Innen heraus zu verbessern. Die lokalen Entscheidungsträger übernehmen das Zepter und werden so auch verantwortlich gemacht.

Es gibt also zwei Sichten auf die Problematik der Armut – die von oben und die von unten. Als Präsident sowohl von Biovision, als auch des Millenium Institutes, kann ich beide Sichtweisen kombinieren. Ich «stosse» von unten mit Biovision, indem ich für lokale Initiativen einstehe und kämpfe. Und ich «ziehe» von oben mit dem Millennium Institute, indem ich Entscheidungsprozesse beeinflusse.

Push-Pull im Maisfeld kann Schädlinge unter Kontrolle bringen. Ich bin überzeugt, dass Push-Pull im politischen Umfeld auch helfen kann, die Armut in dieser Welt zu reduzieren.

Herzlich

Hans Rudolf Herren
Präsident Biovision

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