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Weltweite Nahrungsmittelkrise

Liebe Freunde von Biovision

Auf den heutigen Blog haben Sie ausnahmsweise 2 Monate warten müssen. Im April war ich derart beschäftigt, dass ich einfach nicht dazu kam, Ihnen zu schreiben. Ich entschuldige mich und hoffe auf Ihr Verständnis.

Vielleicht haben Sie aber in den Medien trotzdem etwas von mir gehört oder gelesen und auf diese Art den Grund für meine Arbeitsflut verstanden. Der Welt-Landwirtschaftsrat IAASTD hat am 15. April seinen Schlussbericht veröffentlicht, an dem über 400 Experten (z.T auch aus der Schweiz) vier Jahre lang gearbeitet hatten. Es ging darum, die weltweite Landwirtschaft zu analysieren und den bisherigen Einfluss von Wissen, Wissenschaft und Technologie zu untersuchen. Daraus wurden Vorschläge erarbeitet, um die Forschung im Bereich der Landwirtschaft in eine sinnvolle Richtung zu lenken.

Ich habe diese umfassende Arbeit als Ko-Präsident geleitet und musste – oder besser: wollte –nach Abschluss des Berichts den Medien in der ganzen Welt Red und Antwort stehen. Auch die Schweizer Presse war am Thema sehr interessiert. Schweizer Fernsehen, Schweizer Radio sowie alle grossen Zeitungen haben sich der Sache angenommen, was mich sehr gefreut hat.

Weniger erfreulich ist der Grund für das grosse Interesse: Die weltweite Nahrungsmittelkrise hat uns alle aufgeschreckt. Plötzlich ist allen klar, dass es – in den Worten des IAASTD-Berichts, „so nicht weiter gehen kann.“ Doch selbstverständlich war die Krise voraussehbar, und einschlägige Kreise hatten schon lange davor gewarnt. Im globalen Landwirtschaftsbericht haben wir nun versucht, die Probleme in der Landwirtschaft aufzuzeigen sowie gewisse Lösungsansätze zu bieten.

Zuerst zu den Hauptproblemen – sie werden vor allem in den Entwicklungsländern sichtbar. Dort bräuchte die Landwirtschaft unbedingt Unterstützung durch Forschung, Ausbildung und Zugang zu Information. Doch die Budgets hierfür sind in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker reduziert worden. Ein weiteres Problem: Nahrungsmittel sind sehr ungleich zwischen Norden und Süden verteilt – mit schlimmen Folgen für beide Seiten: Fettleibigkeit und Diabetes bei uns (und neuerdings auch in den Städten der Schwellenländer) – Hunger und Unterernährung in den Entwicklungsländern.

Diese Probleme werden verstärkt durch massive klimatische Veränderungen, eine immer schlechter werdende Bodenfruchtbarkeit, eine wachsende Weltbevölkerung und steigende Energiepreise.

Diese komplexen Probleme müssen angegangen und gelöst werden, indem wir nicht die Folgen, sondern die Ursachen beheben. Wir kommen also zu den Lösungsansätzen, die wir im Bericht aufzeigen. Was wir vorschlagen, ist, dass wir die Vielfalt von Problemen nicht mit einer einzigen Wunderlösung anzupacken versuchen, sondern eben auch mit einer Vielfalt von Lösungsansätzen. Am wichtigsten ist wohl, dass mehr Forschung betrieben wird, um den Bauern in Entwicklungsländern eine nachhaltige Landwirtschaft zu ermöglichen, die nur über fruchtbare Böden zu erreichen ist. Aufteilung und Besitzverhältnisse des Bodens müssen überprüft und geändert werden, um den Bauern den Zugang Land sicherzustellen. Hier ist die Politik gefordert.

Als weiterer entscheidender Faktor ist die Rolle der Frauen in der Landwirtschaft erkannt worden. Aber noch fehlen ihnen oft adäquate Arbeitsbedingungen und eine gute Ausbildung. Ausserdem ist wichtig, dass eine angemessene Mechanisierung der Landwirtschaft auch in armen Ländern gefördert wird. Nur so kann die Produktivität gesteigert werden.

Was sicher keine Lösung ist, ist der grossflächige Einsatz von Pestiziden oder genetisch manipulierten Pflanzen. Im Gegenteil: Fundierte Untersuchungen zeigen, dass dieser Weg genau das Gegenteil dessen bewirkt, was man möchte. Je kleiner die Artenvielfalt, desto grösser das Risiko von Krankheiten, die sich ungehemmt ausbreiten können. Deshalb fordert der IAASTD-Bericht einen sinnvolleren Umgang mit dem Boden und eine Rückkehr zur kleinräumigen Landwirtschaft, wo die Bauern ihr eigenes Saatgut verwenden können. Nur so wird die genetische Vielfalt gewahrt.

Obschon all dies ziemlich logisch erscheint, ist mir wichtig zu betonen: Es haben längst nicht alle die Dringlichkeit des Problems verstanden. Weiterhin haben die grossen Agrochemie-Firmen einen viel zu starken Einfluss auf die Landwirtschaftspolitik im Norden. Denn natürlich geht es um viel Geld.

Industrieführer und manche Politiker versuchen daher noch immer, das Problem kleinzureden. Und das Gravierende: Gewisse Wissenschaftler unterstützen sie dabei und behaupten, eine industrialisierte Landwirtschaft mit Monokulturen, Pestiziden und Gentechnologie sei die Lösung. Doch nun haben 400 hochkarätige Wissenschaftler mit diesem detaillierten Bericht gezeigt, dass dies nicht der Weg zu einer umwelt- und sozialgerechten Landwirtschaft sein kann.

Klar ist: Wir müssen handeln. Es geht nicht um Gewinne, sondern um eine gemeinsame Zukunft für alle Menschen auf unserem Planeten. Die Nahrungskrise in der Dritten Welt hat mehr mit uns zu tun, als uns lieb ist.

Tun Sie mir einen Gefallen: Verfolgen Sie die Berichterstattung zu diesem Thema und versuchen Sie sich zu informieren. Wir alle sind Konsumentinnen und Konsumenten von Nahrungsmitteln und können mit unserem Verhalten die Art und Weise beeinflussen, wie Nahrung produziert wird.

Herzlich
Hans Rudolf Herren

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