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Was kann ich denn essen, wenn ich keinen Garten habe?

Liebe Freunde von Biovision

Im letzten Blog habe ich Ihnen von meiner Hoffnung für dieses Jahr erzählt. Ich wünsche mir, dass die Jugend vermehrt aktiv wird und uns aufzeigt, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Aus diesem Grund werde ich in diesem Jahr immer wieder den Kontakt zu Jugendlichen suchen. Ich möchte ihre Sorgen hören und ihnen etwas von meiner Erfahrung mitgeben.

Vor einigen Wochen war ich an der Neuen Kantonsschule Aarau zu genau diesem Zweck eingeladen. Zusammen mit zwei anderen «Experten» diskutierte ich mit den Schülern über Ernährung und Nahrungsmittelproduktion. Als Vorbereitung hatten alle Schüler den Film «We are feeding the World» gesehen. Dieser Film zeigt eindrücklich auf, welche Monopolstellung die Nahrungsmittelmultis haben und wie sie unsere Essgewohnheiten zu manipulieren versuchen.

Die für mich interessanteste Frage eines Schülers lautete: «Wenn ich keinen Garten habe, was kann ich denn essen?» Diese Frage beinhaltet für mich den Kern eines riesigen Problems: Wir verlieren den Kontakt zu den Produzenten unserer Nahrung. Das Wort «Landwirtschaft» enthält auf Deutsch das Wort «Wirtschaft» und scheint die Profitmaximierung zu legitimieren. Auf Englisch aber heisst das Wort online casino «Agriculture», und das gefällt mir viel besser, denn es enthält das Wort «culture», also Kultur.

Nahrungsmittel sind mehr als nur Kalorienlieferanten. Nahrungsmittel sind das Bindeglied der Gesellschaft zu ihrem eigenen Land. Wir essen nicht nur, um satt zu werden, sondern auch, um zu feiern und zusammen zu sein. Wenn wir den Kontakt zu den Ursprüngen unserer Nahrung verlieren, verlieren wir unsere eigene Kultur.

Natürlich kann heute nicht mehr jeder Mensch ein Selbstversorger sein und seinen eigenen Garten bewirtschaften. Daher ist die Frage des Schülers sehr berechtigt. Was soll er essen, wenn er keinen Garten hat?

Mein Rat an den Schüler ist der Rat, den ich auch Ihnen geben möchte: Wir müssen uns beim Einkaufen stärker überlegen, woher die Nahrungsmittel kommen und wie viel Industrialisierung in ihnen steckt. Je weniger «Wirtschaft» und je mehr «Kultur» ein Produkt enthält, desto näher an Ihrem «eigenen Garten» ist es angebaut worden.

Wollen wir Pestizide schlucken? Wollen wir Nahrungsmittel essen, die über Tausende von Kilometern zu uns transportiert wurden? Wollen wir Produkte auf unserem Teller, die ausgebeutete Bauern in Entwicklungsländern produziert haben? Wollen wir nicht viel lieber etwas, das aus einem Garten kommt, den wir kennen?

Ich freue mich sehr, dass die Jugend sich diese Fragen stellt. Und ich beobachte auch mit Genugtuung, dass sich das Verhalten der Gesellschaft als Ganzes langsam zu ändern beginnt. Die Nachfrage nach biologisch angebauten Produkten steigt, jene nach fair gehandelten Waren auch. Die Konsumentinnen und Konsumenten akzeptieren die grossen Nahrungsmonopole je länger, desto weniger. Und sie verlangen immer häufiger Dinge, die in ihrer Nähe produziert wurden.

Die Antwort auf die Frage des Studenten lautet also: Wenn du keinen Garten hast, gehe auf den Markt oder in den nächsten Bioladen. Kaufe Produkte, von denen du weißt, wie und wo sie angebaut wurden. Und ja: Du hast das Recht zu fragen, was die verschiedenen Labels bedeuten. Denn je mehr wir über die Herkunft unseres Essens wissen, desto mehr leben wir die Kultur der Landwirtschaft.

En guete!

Hans Rudolf Herren
Präsident Biovision

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